Die Straße

Als junger Bursche ging er damals auf die Straße
suchte sich ein Plätzchen und packte die Gitarre aus
sang junge, freche Lieder, nur so zum Spaße
glücklich und zufrieden kehrte er nach Haus´.
Als er so spielte, ging ein Raunen durch die Menge
sogar junge Mädchen blieben steh´n und hab´n gelauscht
die Menge raunte und staunte im Gedränge
während er wie besessen spielte, wie berauscht:

„Sie hat mich wieder, die Straße die Straße, sie hat mich wieder.
Ich sing´ und spiel´ sie, nur so zum Spaße, die jungen und frechen Lieder.“

So zog er einige Jahre durch die Lande
ein paar Münzen klimperten in seinen Taschen
er spielte in Kneipen, auf der Straße und am Strande
zum Dank leerte er Teller, Gläser und Flaschen.
Doch die Jahre, sie vergingen wie im Fluge
er wurde Handwerksmeister, widmete sich dem Holz
seine Gitarre kam immer seltener zum Zuge
seine kleine Firma wurde sein ganzer Stolz.

So wurde er ein braver Bürger, fast schon ein Spießer
zahlte Hundesteuer, Versicherungen, Parkgebühren
wurde zum Gourmet, zum Weintrinker und Genießer
lernte wichtige Gespräche mit wichtigen Leuten zu führen.
Er checkte Kontostände und zählte zufrieden sein Geld
las Finanzmarktanalysen und „Schöner Wohnen“
vergaß den Traum vom Reisen und von der weiten Welt
die Investitionen sollten sich ja für ihn lohnen.

Er wurde nie wirklich reich, doch er war auch nie arm
konnte sich vieles leisten, musste selten verzichten
sein Kühlschrank war immer voll, sein Ofen warm
sein Fernseher hatte immer etwas zu berichten.
Rechnungen, Angebote, Kunden, Lieferanten
nächtelang saß er am Schreibtisch sich den Hintern wund
am Sonntag die Familie und die Verwandten
„mein Haus, mein Auto, meine Frau, mein Kind, mein Hund.“

Alles lief glatt, und es schien alles gut und richtig
über den Sinn des Ganzen dachte er nie nach
er fragte sich erst: was ist wirklich wichtig?
als seine heile Welt ihm Stück für Stück zerbrach.
Denn eines Tages kam die krasse Diagnose
er ahnte gleich, dass nichts ewig so weitergeht
und machte sich vor Angst fast in die Hose
für einen Neuanfang war es schon fast zu spät.

Plötzlich war er pleite, hatte fast alles verloren
denn seine Firma kam in eine tiefe Krise
er war krank, verschuldet bis über beide Ohren
und seine Stimmung machte nun täglich Miese.
Als er jung war, war die Straße sein Zuhause
dort fand er sein Publikum und mit ihm sein Glück
nach der Krise gönnte er sich eine Pause
doch auf die Straße kehrte er lange nicht zurück.

Seine Gitarre stand in der Ecke, stumm und verstaubt
erst jetzt nach Jahren entdeckte er sie wieder
an die Kraft der Musik hatte er lange nicht geglaubt
nun sang er zaghaft eines seiner alten Lieder.
Als alter Mann ging er noch einmal auf die Straße
suchte sich ein Plätzchen, packte die Gitarre aus
sang die altvertrauten Lieder, nur so zum Spaße
als junger Bursche kehrte er zurück nach Haus´.

„Sie hat mich wieder, die Straße die Straße, sie hat mich wieder.
Ich sing´ und spiel´ sie, nur so zum Spaße, meine altvertrauten Lieder.“

(Markus Mielert)